Es lässt sich nicht mehr leugnen, dass sich nunmehr, während ich mich am Küchentisch sitzend vornüber beuge, eine Speckrolle entlang meines Hosenbundes den sicheren Hafen meiner dereinst schlanken Silouhette verlässt. In erstaunlicher weil seltener Harmonie vereine ich somit Hässlich- mit Eitelkeit, natürlich nicht ohne mir bereits Gedanken über ein ausgedehntes Trainingsprogramm zur Bekämpfung des Missstandes gemacht zu haben.
Bei meinem älteren Bruder war es ganz ähnlich, denn vor seinem herannahenden 30. Geburtstag, man möge mir verzeihen, bildete sich ein kugelrundes Fettpaket auf Höhe des Bauchnabels, das sich mit jedem verstrichenen Jahr weiter zu einem prallvollen Ballon auswuchs. Dies Schicksal vor Augen begab es sich, dass ich den Umstand meiner eigenen erheblichen Gewichtszunahme schlagartig ins Bewusstsein rückte, als mich ein Fußballkollege unter der Dusche dankenswerterweise auf meine, in jüngerer Vergangenheit deutlich augenscheinlichere, Speckigkeit ansprach. Zunächst fiel ich aus allen Wolken, denn für gewöhnlich pflegte ich das Selbstverständnis eines schlanken Schlaks, und Untersetztheit schien mir während meiner verstreichenden Spätjugend als ein Problem des faulen Pöbels, der überernährten und unterbewegten Mittelschicht der Autofahrernation Deuschland. Verachtenswert.
Zu allem Unglück hatte sich in den vergangenen Wochen mein Ausdauertrainingsprogramm reduziert auf das Herumrollen auf meinem Chefsessel, der natürlich nur wegen der Form so hieß, nicht wegen mir. Eingeschüchtert dachte ich an die mahnenden Worte meines Bruders zurück, der sich, angesichts des sicher herausbildenden Fettpölsterchens, in einer zaghaften Resignation ob des erreichten Lebensalters suhlte und sich, so sah es zumindest aus meiner damals spätjugendlichen Blickweise aus, leichtfertig aus der Verantwortung stahl.
Doch ich werde es besser machen. Beispielsweise habe ich noch heute ein schlechtes Gewissen wegen den ausladenden Hamburgern, die ich mir vor drei Tagen gemacht hatte. Mit echtem Fleisch, viel davon und obendrauf Käse und Mayo. Vorgestern schließlich gab es die fatale Fußballpartie mit besagtem Erweckungserlebnis unter der Herrendusche, in deren Anschluss ich, gelähmt von dem Schock und in einer tranceartigen Gemütsverfassung, zu McDonald’s ging und mir einen Big Tasty mit Speck und Extrakäse besorgte. Damit er sich in der braunen Papiertüte nicht einsam fühlen würde nahm ich zusätzlich noch ein Eis und einen Cheeseburger.
Es muss scheinbar erst noch eine ganze Weile schlimmer werden, bevor es wieder abwärts geht – mit dem Zeiger der Waage. Die ersten Konsequenzen wurden bereits gezogen: ich wiege mich nicht mehr und spiele auch kein Fußball mehr. Weiterhin behalte ich meine Speckrolle im Auge, lege die ganz engen Hosen nach hinten in den Schrank und während meines Abnehmens klammere mich an schlichte Wahrheiten wie jene, nach der ein Mann ohne Bauch ein Krüppel ist. Guten.